Erfolgsgeschichten aus dem bayerischen Einzelhandel

Dezember 2023

Die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel stellt die 15. von vielen bayerischen Erfolgsgeschichten vor. Wir führen unsere Serie "Erfolgsgeschichten aus dem bayerischen Einzelhandel" fort – mit Wolfgang Kraus, Inhaber des Modehauses „Kraus am Eck“ in Erding, in der 8. Generation.

Episode 15 – Das älteste Modehaus in Bayern: Wie sich „Kraus am Eck“ eine Marktnische erobert

Seit 1642 gibt es das Modehaus „Kraus am Eck“ in Erding, etwa 30 Kilometer nordöstlich von München. Zum 380. Jubiläum wurde unlängst dem „ältesten Modehaus in Bayern“ eine Urkunde überreicht. Tradition heißt im Modehaus Kraus, dass man über die Jahrhunderte immer am Ball geblieben ist und permanent die Kunden und Kundinnen mit ihren Wünschen im Blick hat. Allein mit dem Kerngeschäft, dem Verkauf von Textilien, kann sich auch ein Traditionshaus nicht von der Konkurrenz abheben. Mit dem Bavarian Concept Store „Kaufman Kraus“ ist es Wolfgang Kraus, Inhaber des Modehauses in der 8. Generation, gelungen. „Kraus am Eck“ verbindet erfolgreich Tradition & Lifestyle, Regionalität & Storytelling, Fashion & Nachhaltigkeit und bietet zudem mit kleinen Labels einzigartige Shoppingerlebnisse.

Gibt es schon in der 8. Generation – das Kaufhaus „Kraus am Eck“, Foto: Günther Rid Stiftung/Jan Schmiedel.

Im Herzen Erdings, am Erdinger Schrannenplatz ist über die letzten Jahre ein wirklich einmaliges Geschäft entstanden, das neben Damenbekleidung bekannter Marken ein regionales und nachhaltig gefertigtes Sortiment mit Seltenheitswert für Liebhaber anbietet. „In meine Regale schaffen es nur Produkte, die mich wirklich überzeugen – sowohl in Sachen Nachhaltigkeit, Regionalität und auf Grund der Story, die sie erzählen können“, betont Wolfgang Kraus. Ein Motto, das keine Worthülse ist, sondern täglich mit Leben gefüllt wird. Ein Blick in die behaglich eingerichteten Verkaufsräume zeigt das sofort, Wohlfühlatmosphäre, die man wirklich wahrnehmen kann. Der Erfolg gibt dem Unternehmer Recht. „An Spitzentagen ist die Bude buchstäblich voll, unsere Kunden und Kundinnen drängeln sich nur so um die Regale.“

„Kraus am Eck“: Stationen einer Erfolgsgeschichte

1642: Georg Grienagl erwirbt das Eckhaus am Schrannenplatz. Im Erdgeschoss richtet er ein „Musterlager mit Verkaufsstelle“ für die Waren des blühenden Erdinger Loderer- und Tuchmacherhandwerks ein – und gründet damit das Geschäft. 1770: Bürgermeister Johann Jakob Brehm kauft das Anwesen für 17.600 Gulden und übergibt es seiner Tochter Maria-Franziska als Mitgift zur Hochzeit mit dem Handelsmann Georg Fischnaller aus Bozen – der Grundstein für die bis heute andauernde Familientradition ist gelegt. 1832: Magdalena Mangold, die ihrer Tante Anna-Maria Brandstetter im Geschäft hilft, heiratet den Augsburger Kaufmann Ignaz Max Kraus – das Haus geht an die beiden über und erhält dadurch einen neuen Namen: „Kraus“. 1905: Das südlich gelegene Nachbaranwesen „Heilmair-Huterer“ wird gekauft und unter erheblichem baulichem Aufwand mit dem Eckhaus zu einem zusammenhängenden Gebäudekomplex verschmolzen. 1966: Hermann Kraus unterzieht das Erdgeschoss einer kompletten Neugestaltung. Die großen Schaufenster mit durchgehender Glasfront entsprechen dem damaligen Zeitgeist. 2006: Die Fassade wird erneut renoviert. Diesmal orientiert man sich wieder an der ursprünglichen Gestaltung. Das Kraus-Eck steht nun auch optisch wieder auf stabilen Füßen. 2022: „Kraus am Eck“ feiert sein 380-jähriges Bestehen und ist damit das älteste Bekleidungshaus Bayerns.

Vor über 380 Jahren, als Georg Grienagl das Eckhaus am Schrannenplatz eröffnet und dort ein „Musterlager mit Verkaufsstelle“ für Waren des „aufblühenden Loderer- und Tuchmacherhandwerks“ errichtet hat, war Erding noch ein beschauliches spätmittelalterliches Städtchen. Zünfte wachten noch darüber, dass Handel und Handwerk in den eigenen Händen blieben. In der global ausgerichteten, neoliberalen Geschäftswelt sind diese Hürden längst gefallen, heute gibt es Konkurrenten in Hülle und Fülle. Jacken, Blusen und Pullover von Marken wie „Betty & Co“, „Monari“, „Angels“, „Emily Van Den Bergh“ – alles bekommt die Damenwelt bei „Kraus am Eck“ im Erdgeschoss. Aber es sind Waren, die auch die Regale und Verkaufsständer anderer Häuser füllen, entsprechende Lizenzen vorausgesetzt. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ lautet ein Sprichwort – aber unterschätzen darf man die Konkurrenz nicht, vor allem, wenn sie auf Grund der Vielfalt online wie offline beinahe übermächtig wirkt.

Die Damenmode ist breit aufgestellt – unter anderem mit Marken wie „Betty & Co“, „Monari“, „Angels“ und „Emily Van Den Bergh“, Foto: Günther Rid Stiftung/Jan Schmiedel.

Einen anderen, großen Modehändler gibt es in der Kreisstadt Erding gleich gegenüber – mit Filialen auch in anderen Städten. Kraus musste sich dagegen behaupten, aber diese besondere Situation war auch Ansporn, im eigenen Haus, bei „Kraus am Eck“, nicht nur auf Textilien und Mode zu setzen, sondern eine neue Positionierung vorzunehmen, mit einer neuen Sortimentsausrichtung in einem Nischensegment.

Das nötige Handwerkszeug hat sich Kraus in Seminaren der Rid Stiftung erworben, die er erstmals 2008 besuchte. „Wie ein komplettes Studium“ sei das gewesen, schildert Kraus im Rückblick, einen vierwöchiger Crash-Kurs, um ein neues, fruchtbares Geschäftsmodell zu entwickeln. Bewegende Momente seien es gewesen, das hätten alle Teilnehmer*innen gespürt, erzählt der Erdinger: „Eine echte Zäsur. Das spürten wir sofort.“ Auch heute wird dieses kostenfreie Qualifizierungsprogramm mit dem Titel ‚Unternehmensführung im Handel‘ von der Rid Stiftung noch angeboten. Adressat ist – wie bei „Kraus am Eck“ – die Nachfolgegeneration im mittelständischen bayerischen Einzelhandel, denn die Unternehmen sind nicht nur einem dynamischen Umfeld mit internationalen Konkurrenten ausgesetzt, sondern stehen auch vor der grundlegenden Herausforderung, die jeweiligen Geschäftsmodelle zukunftsfähig auszurichten.

Auf Erfolgsspur – dank einer Nische, die den Verkauf kräftig angekurbelt hat.
Marktnischen zu erschließen, die es vorher nicht gegeben hat – dafür hat Wolfgang Kraus inzwischen so etwas wie einen siebten Sinn entwickelt. Er gestaltet ökonomisch das, was man in der Biologie die Besetzung einer ökologischen Nische nennt: sich an neue Gegebenheiten anpassen, sich bestmöglich zu spezialisieren, besser zu sein wie die Konkurrenz. Während die Evolution sehr lange Zeiträume zur Anpassung hat, geht es im Einzelhandel um das Hier und Jetzt und um echte Kaufmannskunst. Welche Nische lässt sich besetzen, wenn der Modemarkt gesättigt ist und Markenartikel in jedem größeren Kaufhaus angeboten werden? Dann ist Erfindergeist gefragt. Eine Innovation, an der getüftelt, geschraubt und immer wieder gearbeitet werden muss bei der Umsetzung. Genau das hat der gelernte Handelsfachwirt, der auch einige Jahre als Sales-Controller bei Marc O‘Polo gearbeitet hat, gemacht, als er das Familienunternehmen übernommen hat. Warum nicht Produkte anbieten, die einzigartig sind, einen hohen Nutzwert haben, das Gütesiegel „regional“, „nachhaltig“ und „fair“ zu Recht tragen und auch den gewissen „Spaßfaktor“ nicht vermissen lassen?

Ein Bavarian Concept Store, genannt „Kaufmann Kraus“ ist im Obergeschoss des Hauses entstanden und ist heute integraler Bestandteil das Gesamtkonzept von „Kraus am Eck“. Auch ein Onlineshop und eine durchdachte Social-Media-Strategie gehören zur neuen Verkaufsstrategie.

Stolz prangt der „Moosbüffel Erding“ an der Wand: Geschäftsinhaber Wolfgang Kraus hat das Motiv in sein Sortiment integriert – mit einer eigenen Kollektion. Foto: Günther Rid Stiftung/Jan Schmiedel.

Bei „Kaufmann Kraus“ bekommt man nur Produkte, die den 43-jährigen Unternehmer selbst in Qualität, Design und Handwerkskunst überzeugt haben. T-Shirts mit dem Aufdruck „Moosbüffel Erding“, erlesene Destillate aus dem Hause Fugger - einer der erfolgreichsten Handelsfamilien im Mittelalter, „Casual Tracht“ mit Kapuze und flauschig-weicher Wolle, Socken mit ausgefallenen Motiven oder Caps, die mit Alpenmotiven wie der Zugspitze oder bekannten Figuren wie dem Pumuckl bestickt sind.

Im Bavarian Concept Store „Kaufman Kraus“ gibt es ausschließlich „gute Dinge“ zu kaufen, die Geschäftsinhaber Wolfgang Kraus persönlich aussucht. Foto: Günther Rid Stiftung/Jan Schmiedel.

Der Anspruch des Unternehmers besteht darin, höchste Qualität in dem mit Massenware gefüllten Modebereich für ein Nischensegment aufzuspüren und in einem einmaligen Sortiment anzubieten. Caps zum Beispiel, gibt es wie Sand am Meer. Aber Wolfgang Kraus ist bei „Bavarian Caps“ fündig geworden. Einer Firma, die in Kelheim an der Donau sitzt und sich auf eine individuelle Fertigung ihrer Produkte spezialisiert hat – mit heimischen Rohstoffen und einer Verarbeitung, die dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet ist. Dazu gehört, sich von der „Fast-Fashion-Industrie“ zu verabschieden und Kohlendioxid-Emissionen, wo es nur irgend geht, zu vermeiden – bei der Produktion und in den Lieferketten. Die Fertigungshalle verlassen nur Artikel, die hochwertig sind, langfristig halten und viel getragen werden können. Genau die Kriterien, die Kraus den Waren abverlangt, die es in sein Sortiment schaffen: „Da gibt es keine Kompromisse.“

Wer nicht vorbeischauen kann, weil er grad keine Zeit hat oder zu weit weg wohnt – kein Problem. Dank der bedienerfreundlichen und immer wieder aktualisierten Internetseiten können alle Produkte auch online bestellt werden, die Lieferung erfolgt schnellstmöglich. Nicht zuletzt, weil auch die Hersteller digital bestens aufgestellt sind – ein Aspekt, der für Kraus eine wesentliche Rolle spielt: Er könne ja nur dann perfekt sein, wenn es sein Zulieferer auch sind. Aspekte wie schnelle Lieferketten, wenig Bürokratie, Kundenfreundlichkeit und eben eine Top-Qualität, wie er hervorhebt: „All das ist extrem wichtig.“

Eines der Schmuckstücke des Hauses: Das liebevoll als „Museum“ bezeichnete älteste Zimmer von „Kraus am Eck“. Foto: Günther Rid Stiftung/Jan Schmiedel.

Den Charme vergangener Zeiten hat sich das Haus auch bewahrt – mit einem „Museum“, das an „Kaufmann Kraus“ angrenzt und als ältestes Zimmer im Haus so etwas wie eine Zeitkapsel ist. „Hier darf nichts verändert werden!“ Sein Inventar: Gemälde von Vorfahren, darunter Magdalena Mangold, die im Jahr 1832 den Augsburger Kaufmann Ignaz Max Kraus heiratete, womit der künftige Geschäftsname grundgelegt wurde. Alte Weinflaschen, Pfeifentabak, Folianten: Auch hier fehlt es nicht an Gemütlichkeit. Wie der Pumuckl auf dem Cap von „Bavarian Caps“ scheint auch das Museumsinventar regelrecht zu plaudern. Nur eben von vergangenen Zeiten.

Text: Rid Stiftung / Rafael Sala

 

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