30 Jahre Rid Stiftung
1988 2018

Erfolgsgeschichten aus dem bayerischen Einzelhandel

März 2021

Die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel stellt die 10. von vielen bayerischen Erfolgsgeschichten vor. Wir führen unsere Serie „Erfolgsgeschichten aus dem bayerischen Einzelhandel" fort, mit dem Befestigungszentrum "Reidl GmbH & Co. KG" in Hutthurm bei Passau.

Episode 10 - Befestigungszentrum Reidl GmbH & Co. KG

„Ich habe die Kundenperspektive inhaliert – und sie digital umgesetzt“

 

Hutthurm in Niederbayern – eine blühende Gegend mit vielversprechendem Entwicklungspotenzial. In den dortigen Industriegebieten haben sich seit den 90er Jahren sukzessiv zahlreiche Betriebe angesiedelt und erzielen eine beachtliche Wertschöpfung. 

 

(Bildinfo: Erfolgreiches Duo Rücken an Rücken: Richard Reidl (l.) und Sohn Julian Reidl lenken die Geschicke der Firma „Reidl GmbH & Co. KG“ mit viel Gespür für Innovationen und für die Kunden. Foto: Rid Stiftung/Jan Schmiedel)

Es ist bekanntlich immer gut, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen – vor allem, wenn man wirtschaftlich erfolgreich sein will, die Konkurrenz nicht schläft und in der Gegend Aufbruchstimmung herrscht. Ganz bewusst hat sich Richard Reidl als Standort seines Betriebs für Hutthurm bei Passau entschieden, seiner Heimatregion. Entspannt blickt der 50-Jährige aus dem großen Panoramafenster seines Konferenzraums in den 3.000 qm umfassenden Gebäudekomplex nach draußen in die Natur. „Das hat Weite und Tiefe, das gefällt mir“, freut er sich. „Diese Investition habe ich mir von Herzen gegönnt. Ich brauche das einfach“, schildert er nicht nur mit Blick auf das technisch top ausgestattete Interieur, sondern auch mit Blick auf diese riesige Glasfläche mit den getönten Scheiben. Im Sommer schützt sie gegen die Hitze, aber sie gibt den Blick stets frei auf die weitgeschwungene Hügellandschaft mit viel Grün, hier und da einem Kirchturm, Wälder und viel helles Sonnenlicht. Man kann spüren, dass die Ideen, die mit einer solchen Aussicht entwickelt werden, dass die Pläne, die für ein solches Umfeld geschmiedet werden, gar nicht wirklich schief gehen können, denn sie sind geerdet und fallen auf fruchtbaren Boden.

(Bildinfo: Seite an Seite im Familienunternehmen: Richard Reidl und seine Frau Christine Reidl bauen auf Digitalisierung mit Kundenfokus und etablierten sich zum Multichannel-Händler. Foto: Reidl)

Großflächig investieren – dank günstiger Rahmenbedingungen
Genau so kam es. Und zwar bereits im Jahr 1992 als noch überall digitale Steinzeit herrschte. Sich gerade für diesen Standort in Niederbayern zu entscheiden – das war die erste Rechnung, die aufging. „Die Grundstücks- und Bodenpreise waren niedrig, und auch das Gebäude hat mich nicht so viel gekostet, wie man aus heutiger Sicht meinen könnte.“ Um einen klassischen Industriebau mit vielen vorproduzierten Fertigteilen handelt es sich bei dem 120 Meter langen, anthrazitfarbenen Gebäude, umgeben von anderen Betrieben und einem großzügigen Parkplatzbereich. Im jugendlichen Alter von 21 Jahren hat der gelernte Großhandelskaufmann vor knapp 30 Jahren das Unternehmen, die „Reidl GmbH & Co. KG“, zusammen mit seiner Frau Christine Reidl gegründet. Der Fokus richtete sich in den Anfangsjahren auf den Handel hochwertiger Normteile, Werkzeuge und Materialien zum Arbeitsschutz – alles noch im stationären Betrieb, der bereits so professionell organisiert war, dass die Kundschaft – Privatleute, Bauunternehmen, Großhandel – gern und häufig ein und aus ging. 

(Bildinfo: Bohrer, Schrauben, Arbeitskleidung – soweit das Auge reicht: Über 450 000 Artikel umfasst das Firmensortiment. Foto: Rid Stiftung/Jan Schmiedel)

Dann, ein gutes Jahrzehnt später, gelang Reidl der nächste, der entscheidende Schachzug. 2005 beschloss der findige Unternehmer, ganz auf die Karte „Digitalisierung“ zu setzen und die entsprechenden technologischen Umbauten und Weiterentwicklungen in seiner Firma zügig voranzutreiben. Zwar waren Online-Systeme schon damals weit entwickelt, doch am eher traditionell ausgerichteten Einzelhandel mit den klassischen Vertriebs- und Verkaufsstrukturen gingen sie noch weitgehend vorbei. Ein Fehler, wie es Reidl sieht. Er benennt einen einfachen Grundgedanken hinter seiner Sichtweise – nämlich den der Notwendigkeit, das Produktportfolio an die, sich ständig verändernden Wünsche der Kundschaft anzupassen. Und zwar wenn möglich, synchron! „So wird beispielsweise auch ein Modegeschäft Verluste erleiden, wenn es der steigenden Nachfrage einer aufstrebenden Marke nicht nachkommt“, ist Reidl überzeugt. Das Sortiment sollte bei einem sich verändernden Markt umgehend an die neuen Gegebenheiten angepasst werden können und dynamisch bleiben. „Ansonsten ist die Abkehr vieler Kunden und Kundinnen an die Konkurrenz vorprogrammiert.“ 

Auf die digitale Karte setzen – und die Kundenperspektive inhalieren 
Reidl erkannte früh, dass er seine Produkte nicht mehr nur stationär, sondern vor allem auch online anbieten muss. E-Commerce, Webshopping, Omni-Channel: Das waren die Begriffe, die in seinem Unternehmen im Hutthurmer Gewerbegebiet Einzug hielten. Zuerst investierte er in die IT-Abteilung – und sparte dafür nicht mit entsprechendem Kapitaleinsatz. „Um solche Strukturen professionell aufzubauen, braucht man Spezialisten. Ohne sie geht es nicht.“ Den EDV-Profis in seinem Haus kam eine entscheidende Bedeutung zu. „Sie waren eine erste tragende Säule während dieser Zeit – und sind es noch immer. Expertise im Haus bringt Geschwindigkeit.“ Schritt folgte auf Schritt – mit dem ersten Webshop für damals rund 250.000 Artikel. Dank seines Omni-Channel-Ansatzes, der auch Online-Giganten wie Amazon und Ebay beinhaltet, gingen Bestellungen am laufenden Band ein. Nicht ohne Stolz schildert Reidl, dass sein Unternehmen als eines der ersten die Erlaubnis hatte, das „Amazon-Prime“-Logo zu führen. Das stets zweistellige Wachstum wurde dadurch ermöglicht, dass er sich auch weiter aktiv um die Kunden zu kümmerte und ihnen intensiv zuhörte. „Ich habe diesen Gedanken regelrecht inhaliert.“ Dann ging es um weitere professionelle Strukturen, etwa den Aufbau eines so genannten „Enterprise-Resource- Planning-Systems (ERP) – eine digitale Plattform mit der Aufgabe, Ressourcen wie Kapital, Personal und Material so zu planen und zu steuern, dass das Unternehmen jederzeit bedarfsgerecht handeln kann. Die EDV-ler tüftelten bis das Produktinformationsmanagement (PIM) aus der Taufe gehoben war. 

(Bildinfo: Vor allem in die IT-Abteilung hat Richard Reidl investiert – sie ist das Herzstück für die Abwicklung der Auftragseingänge. Sämtliche Artikel werden hier erfasst und detailgenau beschrieben. Foto: Rid Stiftung/ Jan Schmiedel)

Über 1,2 Millionen Artikel verfügbar 
Seither ist es möglich, Kataloge von knapp 1.000 Herstellern mit insgesamt 1,2 Millionen Artikel quasi in Echtzeit in das ERP-System zu integrieren. Der Clou dabei: Wenn eine Bestellung eintrifft und ein spezielles Angebot erstellt werden muss, werden die entsprechenden Daten automatisiert in dieses System aufgenommen, und das Angebot wird von dort aus abgeschickt. „Unsere Warenwirtschaft wurde auf diese Weise komplett digitalisiert – von der Bestellung bis zur Bezahlung“, schildert Reidl. „Dies hat es uns ermöglicht, unsere Mitarbeiter von repetitiven Tätigkeiten zu entlasten und die Kräfte neu zu bündeln.“ Ein weiterer entscheidender Vorteil: Durch die Verknüpfung des On- und Offlinehandels mit der Warenwirtschaft und der Zeiterfassung können wichtige Daten sofort visualisiert werden – zum Beispiel Informationen zu Umsatz, Packzetteln oder zu Lieferscheinen.“ Derzeit arbeiten 75 Mitarbeiter*innen für das Unternehmen, der Umsatz erreichte 2020 die bisherige Rekordmarke von 24 Millionen Euro. Inzwischen ist auch Julian Reidl, der Sohn von Richard und Christine Reidl in der Geschäftsführung. „Ich bin sehr stolz, das fortführen zu können“, sagt der 29-Jährige. 

Corona hat die Entwicklung noch einmal beschleunigt 
Doch das ist noch längst nicht alles – es folgte Idee auf Idee, Innovation auf Innovation. Sie alle aufzuzählen, würde ein ganzes Buch füllen. Erwähnt seien nur seine Vertriebsmodelle, spezielle „in-house-shops“, seine Cross-Selling-Ansätze, die dem Kunden zum gewünschten Artikel auch gleich das passende Zubehör anbieten. Oder das Segment Arbeitsbekleidung: Möchte etwa ein Bauunternehmer für seine Handwerker die passende Kleidung kaufen, hat aber noch keinen Überblick über den genauen Produktzuschnitt, kann er sie über eine spezielle Plattform genau bestimmen, sie sich konfigurieren und anschließend gleich abholbereit an die Ladentheke bringen lassen. Berücksichtigt werden dabei nicht nur die Art des Einsatzes – zum Beispiel auf einer Baustelle oder in einer Lagerhalle – sondern auch sicherheitstechnische Aspekte, wie sie die jeweiligen Berufsgenossenschaften vorgeben. „Es macht keinen Sinn, einen Gabelstaplerfahrer, der viel drinnen unterwegs ist und schwitzt, mit einer dicken Outdoor-Jacke auszustatten.“ Umgekehrt bräuchten Arbeiter, die draußen bei Minustemperaturen arbeiten müssen, ebenfalls die entsprechende Kleidung. „Die sollte dann natürlich wetterfest sein.“ Und auch als im vergangenen Frühjahr die Corona-Krise erstmals mit voller Wucht zuschlug, hat Reidl direkt gehandelt. Es wurde beispielsweise vor Ort ein eigens entwickeltes Verkaufs-Display eingerichtet, über das der Kunde mittels Videotelefonie ganz konkret mit einem Mitarbeiter kommunizieren und seine Bestellungen beim sog. „Tele-Ludwig“ im Gespräch aufgeben kann.

Auch Click & Collect, also das Bestellen der Ware online und die Abholung vor Ort, bietet das Befestigungszentrum an. Ein weiterer Service: Die „24-Stunden-Verkaufszone“: Registrierte Kunden gelangen per Fingerscan rund um die Uhr in einen separaten Verkaufsraum, indem neben der bestellten Ware ständig rund 800 häufig nachgefragte Artikel verfügbar sind. „Die Ware wird ausgewählt und gescannt, dem Kunden wird im Anschluss gleich die Rechnung zugestellt“, erläutert Reidl. Diese und andere Innovationen haben die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel dazu veranlasst, dem Unternehmen Reidl GmbH & Co. KG 2013 einen von drei erstmals bayernweit ausgelobten Innovationspreisen im Handel zu verleihen. Das Befestigungszentrum Reidl sei ein herausragendes Beispiel für die Innovationskraft im mittelständischen Einzelhandel heißt es in der Laudatio. „Herr Reidl ist ein Unternehmer, der nicht nur die digitalen Möglichkeiten für den Handel umfassend zu nutzen versteht, sondern auch konsequent aus der Kundenperspektive denkt. Zudem behält er die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als Menschen im Auge. Eine bislang seltene Kombination“, sagt die Vorständin der Rid Stiftung, Michaela Pichlbauer, über Richard Reidl.

(Bildinfo: Übervoll sind die Regale in den Lagerhallen der „Reidl GmbH & Co. KG“. Foto: Rid Stiftung/Jan Schmiedel)

Innovativ, effizient und lösungsorientiert
Die „Reidl GmbH & Co. KG“ ist ein Handelsunternehmen mit den Schwerpunkten „Eisenwaren“, „Arbeitsschutz“, „Normteile“ und „Werkzeuge“. Neben dem klassischen Einzelhandel bietet die Firma ihren Kunden vielfältige Lösungen zur Beschaffung über das Internet und vielseitige standardisierte Schnittstellen an. Aufgrund der Produkttiefe und -breite sowie des fundierten Prozesswissens ist die Firma auch im industriellen Sektor als starker Partner im Bereich der C-Teile etabliert. Das Unternehmen führt über 450.000 Artikel und sieht es als seine Mission, diese mit digitalen Lösungen so übersichtlich wie möglich zu gestalten. Gegründet wurde das Befestigungszentrum in einem Gewerbegebiet in Hutthurm im Jahr 1992 von Christine und Richard Reidl. Das Unternehmen wurde aus Expansionsgründen 2018 Teil der Beutlhauser Gruppe. 

Digitalisierung braucht ein Ziel: den Menschen 
Reidl hat aber noch eine weitere Vision, eine, die nur mittelbar mit Digitalisierung zu tun hat, eine, die sich nicht am unmittelbaren Profit orientieren kann, eine, in der es um das Wesentliche geht: die Menschen. Der Niederbayer steht dem kontinuierlichen Fortschrittsgedanken keineswegs kritisch gegenüber – gründet ja sein eigener beruflicher Erfolg darauf –, sieht aber in puncto „virtuelle Expansion“ den Zenit erreicht: „Es kann, es wird da nicht mehr sehr viel sinnvolles, Neues kommen.“ Aber jeder Einzelne müsse wieder viel stärker in den Blick geraten: „Wir sind ja nicht virtuell, uns gibt es wirklich.“

Gerade dadurch zeichne sich im Übrigen der Einzelhandel aus, über diese Einsicht zu verfügen, sie ernst zu nehmen, sie täglich mit den Kunden und Kundinnen zu leben. Wertschätzung, Wohlbefinden, Würdigung gehören daher ebenso zum verbalen Inventar des Unternehmens wie die digitalen Schlagworte. Reidl hebt hervor: „Wir befinden uns an einem Scheideweg. Wir haben viel über die Digitalisierung hinzugewonnen, aber sie darf nicht zum Gegenteil der realen Welt werden, sie muss für uns reale Menschen hilfreich sein“. Daher muss in unserer Politik, in unserer Wirtschaft, in unserer Gesellschaft wieder die Verbesserung der Lebenswirklichkeit der Menschen ins Zentrum, auch im Zentrum der Digitalisierung stehen. Er selbst habe immer versucht, die Kultur des Miteinander in seinem Betrieb bestmöglich zu pflegen – und werde dies auch weiter tun. „Mehr denn je“, sagt er und blickt nachdenklich aus dem Panoramafenster in die weiche Hügellandschaft Bayerns. 

(Bildinfo: „Vor allem auf den Menschen kommt es an“: Richard Reidl hat sich einem hohen ethischen Anspruch verpflichtet. Foto: Rid Stiftung/Jan Schmiedel)

 

Text: Rid Stiftung / Rafael Sala