Episode 21 – Wohnwerk in der Natur: Moderne Kundenberatung in Wohnzimmeratmosphäre
März 2026 – Die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel stellt die 21. von vielen Erfolgsgeschichten vor. Sophia und Daniel Lauton zeigen mit dem „Wohnwerk in der Natur“ wie auf einer Konzeptfläche am Wiener Platz in München moderne Kundenberatung umgesetzt wird.
Aus einer nur 60 Quadratmeter kleinen Konzept-Store-Fläche am Wiener Platz mitten in München wurde 2025 ein Experimentierraum, der die Atmosphäre einer liebevoll eingerichteten Stadtwohnung mit digitalen Services verbindet. Hier können die Kund*innen die Angebotsvielfalt und gestalterische und handwerkliche Kompetenz des Unternehmens hautnah und medial erleben.
Ein Prototyp zur automatisierten Kosteneinschätzung unterstützt die Verkäufer bei der Beratung, Handwerkskollegen werden bei Bedarf per Videocall zugeschaltet, und auch KI-Agenten sind in Planung. Dass hier Raumgestaltungs-Projekte mit professioneller Systematik und spürbarer Empathie für die Kund*innen entstehen, kommt auch beim städtischen Publikum bestens an.
Das Wohnwerk in der Natur: Zuhause bei den Lautons
Es ist bereits viele Stunden dunkel, doch in der ausgebauten Scheune in der Finsinger Au bei Markt Schwaben brennt immer noch Licht. Sophia und Daniel Lauton arbeiten an einer neuen Oberflächentechnik. Daniel rührt die Mischung an, Sophia prüft die Körnung: „Wenn wir Neues ausprobieren, passiert das oft spät abends“, berichten die beiden. Muscheln landen im Thermomix, werden zerschlagen und wieder unter die Farbmischung gerührt. Dieses Feilen an Nuancen, Lichtstimmungen oder Haptiken bestimmt jeden Auftrag. Wochen später werden die schimmernden Muschelchips an der Wand ein Brautmodengeschäft zum Strahlen bringen.
Gemeinsam führen die Lautons die Wohnwerk in der Natur GmbH, mit Hauptsitz in Markt Schwaben und einem Standort am Wiener Platz in München. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Den Meister im Raumausstatter- und Malerhandwerk haben beide Geschäftsführer – Sophias Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung, Daniel bringt Bauleiter-Expertise mit. Das Unternehmen begleitet Raumgestaltungs-Projekte ganzheitlich, von der Online-Beratung bis zur fertigen Umsetzung. Die Kompetenzen sind enorm breit gefächert – von der energetischen Sanierung über Fassadengestaltung, fugenlose Flächen, Wand- und Bodenarbeiten bis zur textilen Raumausstattung und Nachhaltigkeitsberatung.
Wie sehr die Lautons das Thema Wohnen und Einrichten lieben, zeigt ihr Zuhause. Der geschmackvoll und nachhaltig umgebaute Bauernhof von Sophias Großmutter dient heute auch als Showroom: Kundinnen und Kunden nehmen auf der Couch oder am Küchentisch Platz. Sie besichtigen die fugenlosen Bäder, in denen gerade noch geduscht wurde, berühren Lehmstrukturen und duftende Heutapeten an den Wänden. Danach geht es durch die offenen Werkstätten in den Farben-, Stoff- und Accessoires-Bereich. Eine Bekanntschaft mit den zwei Töchtern, Schimmelsuchhund Mona oder Katze Fanny ist nicht ausgeschlossen. Und wenn die Hühner genug gelegt haben, gibt es nach dem Beratungsgespräch vier frische Eier als Geschenk.
Sophia Lauton ist die Seele und Botschafterin des Hauses. „Gestaltung beginnt mit Vertrauen“, beschreibt sie die Unternehmensphilosophie. „Wir beraten in der Tiefe und sind stolz darauf, wenn sich unsere Kunden in ihrem neuen Zuhause gut aufgehoben fühlen. Wenn es eng wird, organisieren wir auch den Umzug.“ Sie erzählt das ganz selbstverständlich. Diese Haltung prägt das Wohnwerk spürbar. Die Unternehmenswerte werden konsequent ins Team hineingetragen: „Wir arbeiten sehr eng zusammen. Bei uns dreht sich alles um ehrliche Gestaltung, natürliche Materialien und handwerkliche Qualität.“
Sahar Essmann: von der Kundin zur Mitgestalterin
Eine Schlüsselrolle im Team spielt neuerdings Sahar Essmann, seit Anfang 2026 gehört sie auch zur Geschäftsführung. Nach ihrem Umzug von Hamburg nach München wurde ein Beratungstermin in Markt Schwaben für sie zum Wendepunkt. Sie ließ ihr Haus von Sophia und Daniel Lauton planen und umbauen und war fasziniert von deren kreativer Arbeitsweise. „Ich habe aufgehört, selbst zu entscheiden“, sagt sie, „und gelernt, wie man mit echten Expertinnen und Experten aus einer bestehenden Substanz etwas Einzigartiges schaffen kann.“ Aus der Kundin wurde eine Mitstreiterin: Die erfahrene Personalmanagerin stieg im Wohnwerk ein und übernahm eine zentrale Rolle im Projekt „Future Retail Store“.
Das Wohnwerk am Wiener Platz: Die Stadtwohnung als Experimentierraum
Ortswechsel: Der Standort am Wiener Platz in München könnte kaum gegensätzlicher sein als der großzügige Bauernhof in der Finsinger Au. Kleine Boutiquen, Marktstände und Cafés, Trambahnquietschen, viel Laufkundschaft: „Mir hat diese Mischung am Wiener Platz schon immer gefallen“, sagt Sophia Lauton. „Hier möchten wir neue Zielgruppen ansprechen und ausprobieren, ob wir unser Gefühl von Zuhause auch in einen kleinen Raum in die Stadt übertragen können.“
Als sich die Gelegenheit ergab, eine 60 Quadratmeter große Fläche im Konzeptstore Curtis & Curtis zu mieten, sagten die Lautons sofort zu. Doch die erste Ladengestaltung mit Verkaufstresen, vielen Mustern und einem Arbeitsplatz für Mitarbeitende wurde der Stadtkundschaft und dem eigenen Anspruch nicht gerecht. „Die Kunden haben nicht verstanden, in welcher Größenordnung und Komplexität wir Projekte umsetzen können“, lautet das Resümee von Daniel Lauton. Gleichzeitig zeigten sich interne Engpässe: Die Angebotserstellung dauerte zu lange, Abläufe griffen nicht exakt ineinander. Und so wurde im Rahmen des Förderformats „Future Retail Store“ der Rid Stiftung analysiert und neu gedacht, welche Prozessschritte digitalisierbar sind und wie ein Ladenbau gestaltet werden muss, um „Projektgeschäft“ zu kommunizieren.
Future Retail Store: Erst die Analyse, dann der Umbau
„Wir begleiten Händlerinnen und Händler in einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt und helfen ihnen dabei, Innovationen und digitale Formate auf der realen Verkaufsfläche einzusetzen und zu testen“, sagt Dr. Maximilian Perez, der bei der Rid Stiftung für den Bereich Innovationsförderung verantwortlich ist. Für das Wohnwerk bedeutete dies, nicht nur die Ladenfläche in Teilen neu zu gestalten, sondern Unternehmensphilosophie, Leistungs- und Kompetenzspektrum auch digital so zu übersetzen, dass es auf der kleinen Fläche sofort verständlich wird. Im Rahmen mehrerer Workshops wurde gemeinsam erarbeitet, was Kund*innen sehen, fühlen und begreifen müssen, um von Anfang an abgeholt zu werden. Welche digitalen Tools können helfen, um Prozesse schlanker und effizienter zu gestalten?
Technologische Ausstattung macht Kompetenzen sichtbar
Die Rid Stiftung übernahm die Kosten für die technologische Ausstattung und strategische Beratung. Prof. Dr. Klaus Gutknecht, Partner bei elaboratum, und Martin Fischer, Consultant bei elaboratum, nahmen die Customer Journey aus verhaltenspsychologischer, technologischer und betriebswirtschaftlicher Perspektive unter die Lupe: Was passiert auf jedem Meter, den ein Kunde geht? Wo braucht er Orientierung? Welche wirtschaftlichen Ziele müssen erreicht werden? Wo kann Technologie sinnvoll helfen? Erst als dieser Rahmen gesetzt war, ging es an die Überarbeitung der Ladenfläche.
Im März 2025 gestalteten Sophia, Daniel und ihr Team den Store innerhalb einer Woche um. Digitale Medien wurden an klar gesetzten Fokuspunkten montiert: zwei große Screens im Eingangsbereich und mehrere Touchdisplays verteilt auf der Fläche. Außerdem wurden iPads für die Beratung zur Verfügung gestellt. Auf den Screens laufen Videos, die Einblicke in die Arbeit auf den Baustellen und in der Werkstatt geben, Vorher-Nachher-Bilder zeigen und zum jeweiligen Kostenrahmen informieren. Auf einem großen Touchdisplay können die Kund*innen die Website und den tagesaktuellen Social-Media-Feed des Wohnwerks aufrufen.
Der zweite Hebel: Prozesse, die im Tagesgeschäft entlasten
Neben der Umgestaltung der Ladenfläche rückten die internen Abläufe im Projektgeschäft in den Fokus. Denn die eigentliche Belastung entsteht oft nicht auf der Baustelle selbst, sondern bereits im Vorfeld: komplexe Kostenvoranschläge führen zu Rückfragen und langen Angebotsschleifen. Deshalb entwickelte elaboratum gemeinsam mit dem Wohnwerk-Team ein Kalkulationstool zur schnellen Kostenschätzung. In den Prototypen floss das umfangreiche Wissen von Daniel Lauton über die Abläufe und Arbeitsschritte der unterschiedlichen Gewerke ein. Damit wird sein implizites Wissen für alle Mitarbeitenden nutzbar gemacht. Die Software wird nun im Kundentermin live getestet und laufend weiterentwickelt. Der Vorteil: Die Kund*innen erhalten früh eine belastbare Kosteneinschätzung und können schneller entscheiden. „Das Tool spart nicht nur mir unglaublich viel Zeit“, sagt Daniel Lauton, „jetzt können auch meine Mitarbeiter, die keine Experten sind, eine preisliche Orientierung geben.“
Prof. Gutknecht ordnet das Vorgehen ein: „Sehr häufig wird in einem Transformationsprozess von der Technologie ausgegangen und man vergisst die Menschen und die Wirtschaftlichkeit. Wir haben in starkem Maße versucht, diese drei Aspekte zu verbinden.“ Dass die wirtschaftlichen Ziele erreicht wurden und nun neue Potenziale für die weitere, auch digitale Entwicklung gesehen werden, sei eine große Leistung gewesen.
Betritt man heute das Wohnwerk am Wiener Platz, befindet man sich nicht in einem Verkaufsraum mit blinkenden Bildschirmen, sondern in einem Wohnraum. Oberflächen, Farben und Materialien – alles wirkt wie selbstverständlich, ist jedoch gestalterisch und handwerklich bis ins Detail geplant: die gepolsterte Fensterbank, die abgefütterten Vorhänge, die farblich abgestimmten Kissen. Es gibt eine Magnetwand für Moodboards. Daran schließt sich ein fugenloses Bad mit markanter, wasserfester Tapete an. Verschiedene Verspachtelungen und Bodenbeläge treten im Raum wie auch in der Küchenzeile offen zutage. „Ich will, dass man durchatmet, sobald man unsere Räume betritt”, sagt Sophia Lauton. „Nicht: ‚Jetzt beginnt ein Verkaufsgespräch.‘ Sondern: Herzlich willkommen in meiner Stadtwohnung.“
Der Fokus liegt künftig auf KI
Die nächsten Schritte sind bereits geplant: Die Rid Stiftung unterstützt das Wohnwerk bei der Einführung KI-gestützter Prozesse. KI-Agenten sollen Anfragen vorqualifizieren, interne Abläufe entlasten und Vertriebsprozesse automatisieren. Auch Schulungen der Mitarbeitenden sind in Planung. „Digitale Tools sind heute unersetzlich“, darin sind sich die Lautons einig. „Unser Spirit aber bleibt: Herzlich willkommen in unserem Zuhause.“
Text: Rid Stiftung / Anita Güpping, Fotos: Rid Stiftung / Jan Schmiedel
